Farbe ist bei Kalk mehr als nur ein Pigment. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Kalk, Pigmenten, Zuschlägen, Wasser und Verarbeitung. Genau deshalb kann derselbe Farbton in einer Kalkfarbe anders wirken als in einem Lime Wash oder Kalkputz.
Wer Kalkprodukte färbt, sollte vor allem eines verstehen: Je mehr Masse ein Produkt enthält, desto stärker verteilt sich das Pigment – und desto geringer kann seine Farbkraft erscheinen.
Je mehr Zuschläge, desto anders die Farbkraft
Die verschiedenen Kalkprodukte enthalten unterschiedliche Mengen an Zuschlägen. Vereinfacht lässt sich das Verhältnis von Kalk zu Zuschlägen ungefähr so darstellen:
Generalformel: Kalk und Zuschläge
Schematische Darstellung des Verhältnisses von Kalk zu Zuschlägen bei verschiedenen Kalkprodukten. Die Werte dienen als allgemeine Orientierung für die Produkte in S, M und L.
Das Verhältnis ist entscheidend, weil sich das Pigment nicht ausschließlich im Kalk verteilt. Es verteilt sich im gesamten Materialsystem – also auch in den enthaltenen mineralischen Zuschlägen.
Je höher deren Anteil ist, desto mehr zusätzliche Masse muss das Pigment mitfärben. Dadurch kann die wahrgenommene Farbkraft geringer werden. Das erklärt auch, warum zwei Produkte mit demselben Pigment und demselben Kalkanteil trotzdem unterschiedlich intensiv erscheinen können.
Ein Beispiel: Wird ein Kalkputz und eine Mineralfarbe mit derselben Pigmentmenge eingefärbt, kann die Mineralfarbe deutlich farbintensiver wirken. Der Grund liegt in der unterschiedlichen Menge an Zuschlägen.
Das Pigment ist dasselbe – die Farbwirkung ist trotzdem eine andere.
Die richtige Pigmentmenge
Als Orientierung arbeiten wir mit 2,5 %, 5 % und 10 % Pigmentanteil, abgestimmt auf den jeweiligen Kalkanteil und die Gebindegröße.
- 2,5 % – zarte und zurückhaltende Nuancen
- 5 % – deutlich wahrnehmbare, ausgewogene Farbtöne
- 10 % – intensive und kräftige Farbwirkung
Über 10 % sollte im Regelfall nicht pigmentiert werden.
Eine zu hohe Pigmentierung kann das Gleichgewicht des Produkts verändern und unter Umständen die Bindekraft beeinflussen. Je nach System können dadurch beispielsweise Kreidung, eine veränderte Oberfläche oder Mikrorisse begünstigt werden.
Wer stärker pigmentieren möchte, sollte deshalb immer zuerst eine Testfläche von etwa 1 × 1 Meter anlegen und das vollständig getrocknete Ergebnis beurteilen.
Pigmente zuerst mit Wasser anrühren
Ein gleichmäßiger Farbton beginnt bereits beim Mischen.
Mineralische Pigmente sollten zunächst mit Wasser gründlich angerührt, idealerweise gemischt werden. So können sich die feinen Pigmentpartikel besser voneinander lösen und gleichmäßig verteilen.
Erst anschließend wird die Pigmentmischung in das jeweilige Kalkprodukt eingearbeitet.
Gerade bei feinen Pigmenten verhindert diese Vorgehensweise Klümpchen und Pigmentnester und sorgt für ein homogeneres Ergebnis.
Eine ausführliche Anleitung zum Anrühren und Pigmentieren findet sich auch in unserem Download-Bereich.
Eisenoxide und Erdpigmente
Für Kalkprodukte eignen sich besonders mineralische, anorganische Pigmente. Dazu gehören beispielsweise Eisenoxidpigmente und natürliche Erdpigmente. Beide sind für mineralische Systeme gut geeignet und zeichnen sich durch eine hohe Licht- und Alkalibeständigkeit aus. Die genaue Beständigkeit hängt vom jeweiligen Pigment und Farbton ab.
Eisenoxidpigmente sind meist sehr trocken und fein. Erdpigmente können durch ihre natürliche mineralische Zusammensetzung etwas anders reagieren und teilweise eine leicht cremigere Konsistenz erzeugen. Auch dadurch kann sich die Verarbeitung subtil verändern.
Die Verarbeitung verändert die Farbe
Nicht nur die Pigmentmenge beeinflusst die Farbkraft.
Bei jungen Kalkoberflächen kann vorsichtiges Anfeuchten und anschließendes Glätten oder Komprimieren die Farbwirkung intensivieren. Durch den Druck werden feine, kalk- und pigmenthaltige Bestandteile stärker an die Oberfläche gebracht, während gröbere Zuschläge optisch zurücktreten.
Die Oberfläche kann dadurch dichter und farbintensiver erscheinen.
Hier ist jedoch Fingerspitzengefühl gefragt. Zu starker Druck oder eine zu späte Bearbeitung kann die Oberfläche beschädigen. Deshalb immer die produktspezifischen Verarbeitungszeiten beachten.
Auch mehrere dünne Schichten verändern die Wirkung: Die erste Schicht bleibt häufig leicht und transparent, während weitere Lagen den Farbton verdichten und mehr Tiefe erzeugen.
Wenn es besonders kräftig werden soll
Soll eine bereits fertige Wand sehr intensiv eingefärbt werden, kann eine pigmentierte Lasur eine interessante Möglichkeit sein.
Eine Lasur wie Lustro Plus kann mit bis zu 10 % Pigmentanteil eingesetzt werden und ermöglicht kräftige Farbakzente auf einer fertigen Oberfläche, ohne das darunterliegende Material entsprechend stark pigmentieren zu müssen.
Kalkfarbe, Lehmfarbe oder Mineralfarbe?
Kalkfarbe wirkt häufig leicht, mineralisch und besitzt bei dünnen Schichten eine feine Mikrotransparenz. Das Licht wird reflektiert und die Pigmente können dadurch besonders lebendig erscheinen.
Lehmfarbe ist dagegen meist fülliger und deckender. Sie absorbiert Licht stärker, wodurch derselbe Pigmentton satter und ruhiger wirken kann.
Mineralfarbe verbindet – je nach Rezeptur – Eigenschaften aus beiden Materialwelten. Sie kann die mineralische Leichtigkeit des Kalks mit einer fülligeren, ruhigeren Farbwirkung verbinden. Wer zwischen Kalkfarbe und Lehmfarbe schwankt, kann deshalb eine entsprechend formulierte Mineralfarbe als interessante Alternative betrachten.
Farbe entsteht auf der Wand
Am Ende entscheidet nicht nur das Pigment über den Farbton. Untergrund, Körnung, Schichtdicke, Verarbeitung und Licht verändern die Wahrnehmung.
Deshalb gilt gerade bei kräftigen Pigmentierungen: Immer eine ausreichend große Musterfläche anlegen – idealerweise direkt auf dem Originaluntergrund. Denn erst dort zeigt sich, wie ein Farbton wirklich wirkt. Kalk zu färben bedeutet deshalb nicht einfach, Farbe in einen Eimer zu geben. Es bedeutet, ein mineralisches Material bewusst zu gestalten.
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